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10.03.2010, 0:09
Neue Apotheken Illustrierte-Extra:

Nach dem Essen:
unter 160 bleiben

OrangeHbA1c-Wert gut, alles gut? Leider nein! Ärzte warnen: Der Blutzucker-Langzeitwert spiegelt hohe Werte nach dem Essen nicht ausreichend wider.

"Sehr viele Studien zeigen klar, dass hohe Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern", sagt Professor Dr. Thomas Forst, Geschäftsführer des auf Diabetes spezialisierten Instituts für Klinische Forschung und Entwicklung, Mainz. Die Blutzuckerspitzen nach dem Essen schädigen akut die Wände der großen Blutgefäße. Dadurch wächst die Gefahr für Herzinfarkt und Schlaganfall. Doch die oft nur kurz anhaltenden Blutzuckerhochs fallen allein über den HBA1c-Wert nicht auf. Denn der bildet den Mittelwert der Blutzucker-Einstellung über die letzten Wochen. Was also tun, um Spitzen nach dem Essen aufzudecken?

"Typ-2-Diabetiker sollen einmal pro Woche ein Blutzucker-Tagesprofil durchführen. Das bedeutet: Sie messen viermal am Tag, nämlich nüchtern und dann jeweils zwei Stunden
nach jeder Hauptmahlzeit", erklärt Forst. Laut der International Diabetes Federation (IDF) dürfen die zwei Stunden nach dem Essen gemessenen Werte nicht über 140 mg/dl
(7,8 mmol/l) liegen. Ein Grenzwert, den Experte Forst als zu scharf einstuft: "Zu strikte Grenzen frustrieren, weil sie kaum erreichbar sind. Deshalb sage ich meinen Patienten, dass der Blutzucker zwei Stunden nach einer Mahlzeit nicht höher als 160 mg/dl (8,9 mmol/l) liegen sollte." Für Typ-1-Diabetiker gelten diese Grenzen auch. Allerdings messen sie ohnehin so häufig, dass hohe Werte schnell auffallen.

Und was ist zu tun, wenn sich in mehreren Tagesprofilen zeigt, dass der Blutzucker nach dem Essen in die Höhe schnellt? "Sowohl für Typ-1- als auch für Typ-2-Diabetiker existieren zwei Wege zu besseren Werten", erklärt Forst. "Zunächst überprüft der Diabetiker Menge und Art der Kohlenhydrate, die er zu den Hauptmahlzeiten isst. Wenn nötig auch mit Hilfe einer Diabetesberaterin." Womöglich schätzt jemand Kohlenhydratmengen völlig falsch ein, weil er den Teller schon lange nur noch per Augenmaß füllt. Dann heißt es: Kartoffeln, Brot, Reis oder Nudeln wieder einige Zeit abwiegen, um ein Gefühl für Portionsgröße und Kohlenhydratmenge zu bekommen. Oder die Zusammensetzung der Kohlenhydrate stimmt nicht: "Wer zum Beispiel immer Weißbrot frühstückt statt Vollkornprodukte, muss sich über schlechte Werte nach dem Essen nicht wundern", so Forst. Denn der Zucker aus Weißbrot gelangt schnell in die Blutbahn und lässt den Blutzucker steil ansteigen.

Fokus auf Arzneimittel

Findet sich beim Essen keine Ursache für die Blutzuckerspitzen, kommen die Diabetes-Arzneimittel auf den Prüfstand. Forst: »Das ist eine ganz individuelle Geschichte. Der Arzt schaut dann, ob die Tabletten oder das Insulin zum Alltag und zur Ernährungsweise des Patienten passen.« Die neue Arzneistoffgruppe der Inkretinmimetika eignet sich nach Kenntnis des Experten sehr gut, um Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten zu kappen.

Unter den Insulinen könnte ein Analoginsulin von Vorteil sein, das sich durch einen schnellen Wirkungseintritt auszeichnet. Schnell genug, um die Kohlenhydrate nach dem
Essen gleich wieder aus der Blutbahn in die Körperzellen zu transportieren.

Linsen statt Kartoffeln

Zeigt sich weder bei der Ernährung noch in der Medikation der Grund für die Ausreißer nach dem Essen, können folgende Regeln den Blutzucker glätten:
  • Reduzieren Sie die Kohlenhydratmengen zu den Hauptmahlzeiten. Sechs kleine Mahlzeiten bekommen dem Blutzucker besser als drei große.
  • Wählen Sie statt Kartoffeln, Nudeln oder Reis häufiger Hülsenfrüchte wie Linsen oder dicke Bohnen. Sie sind die Stars unter den Blutzuckerverträglichen Lebensmitteln und enthalten zudem jede Menge wertvolles Eiweiß.
  • Kappen Sie die Lust auf Süßes nach dem Essen. Das gelingt, indem Sie den süßen Geschmack bereits in die Hauptspeise integrieren. Zum Beispiel mit einer klein geschnittenen Orange im Salat.

Apothekerin Isabel Weinert



BuchtippLese-Tipp
Blutwerte verstehen

Was bei einer Blut- oder Urinuntersuchung gemessen werden kann, erklärt die Ärztin und Medizinjournalistin Dr. med. Vera Zylka-Menhorn auf verständliche Weise in ihrem Ratgeberbuch. Sie nennt die aktuell gültigen Normwerte und erläutert, was Abweichungen nach oben oder unten bedeuten und wann Behandlungsbedarf besteht. Zusätzlich informiert sie über die Vorbeugung und Vorsorge v erbreiteter Gesundheitsprobleme wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Krebs. Das Buch gibt es in vielen Apotheken zu kaufen oder zu bestellen.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn:
Blutwerte verstehen,
Govi-Verlag, 96 Seiten, 9,90 € (D), ISBN 3-7741-1044-1, PZN 4637591



Links aus dem Heft:

Zu Seite 14 "Problemwunden":
Adressen von Fußambulanzen findet man über folgende Website: www.ag-fuss-ddg.de

Zu Seite 31 "Dumme Sprüche locker kontern":
Auf www.schlagfertigkeit.com/antwortbibliothek.php hat Schlagfertigkeitslehrer Matthias Pöhm speziell für Diabetiker originelle Antworten auf häufig zu hörende Sprüche kreiert.




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