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10.09.2010, 1:24
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Impressionen
Skifahrerin Andrea Rothfuss:
Mit einem Stock zur Goldmedaille

Andrea Rothfuss
Andrea Rothfuss, zwanzig Jahre alt, ist die zurzeit wohl erfolgreichste alpine Skiläuferin im deutschen Behindertensport. Mit der Neuen Apotheken Illustrierten spricht sie zu Hause über ihre Freude am Sport, ihre Behinderung – ihr fehlt von Geburt an die linke Hand – und über ihre Medaillen-Hoffnungen für die paralympischen Winterspiele im kanadischen Vancouver.

Eine Reihenhaussiedlung am Ortsrand von Lossburg im Schwarzwald, grüne Wiesen, es regnet bei acht Grad Lufttemperatur - mitten im Dezember. Hier würde niemand eine Ski-Athletin vermuten, die sich intensiv auf die kommenden paralympischen Winterspiele vorbereitet, bei denen körperbehinderte Sportler um olympische Ehren kämpfen. Und doch: Genau hier in Lossburg lebt und trainiert Andrea Rothfuss. Locker, freundlich lächelnd, in Jeans und Sweatshirt begrüßt die 1,65 Meter große Sportlerin, der von Geburt an die linke Hand fehlt, ihre Gesprächspartner und bittet zum Gespräch ins Wohnzimmer ihres Elternhauses.

Warum ihr der alpine Wintersport ans Herz gewachsen ist, weiß sie nicht auf Anhieb zu sagen. Mag sie die Geschwindigkeit? Da muss sie lächeln und zugeben: "Ja, die Geschwindigkeit gibt einem einfach etwas Adrenalin." Und auch das Drumherum hat sie schon als Kind fasziniert: "Meine große Schwester und ich haben uns im Fernsehen die Skirennen von Katja Seizinger angesehen und dabei mitgefiebert. Und wir fanden diesen Rennanzug und die gebogenen Stöcke toll. Das wollte ich dann auch mal haben."
Andrea Rothfuss
Andrea Rothfuss

Gesagt, getan. Mit sechs Jahren lernte Rothfuss Ski fahren, zunächst mit Nichtbehinderten im Skiclub Lossburg. "Als ich im Jahr 2000 mein erstes Skirennen für Körperbehinderte mitgemacht hatte, haben sich meine Eltern sehr für mich eingesetzt und herausgefunden, dass es für Behinderte Trainingsangebote im alpinen Skisport gibt. Dann hat sich vom Deutschen Behindertensportverband aus eine Jugendgruppe als Überbrückung zwischen Freizeitski­fahren und Rennskifahren gebildet." So kam eins zum anderen. "Da habe ich gelernt, das Skifahren richtig zu lieben. Es ist meine erste sportliche Liebe, obwohl ich in Leichtathletik und Schwimmen die ersten Behindertenwettkämpfe absolviert habe."

Freude am Sport strahlt sie wirklich aus. Vielleicht mit ein Grund, warum sie 2009 zu einer der Behindertensportlerinnen des Jahres gekürt wurde. Anfeindungen wegen ihrer Behinderung hat sie kaum erlebt. "Im Behindertenbereich gar nicht. Unter Nichtbehinderten eigentlich auch nicht. Da hieß es meist nur: Guck mal, die hat ja einen Stock verloren! Weil das ja beim Skifahren auf den ersten Blick nicht so auffällt. Aber richtig Probleme habe ich wegen der Behinderung nie gehabt. Es ist eher so, dass ich darüber mit vielen Leuten schneller ins Gespräch komme. Bei anderen ist es so, dass sie nur verstohlen hingucken, aber nichts sagen. Da fühlt man sich selbst irgendwie komisch. Von daher ist es besser, offen und ehrlich zu sein."

Menschen, die sie ermutigen, kein kräftezehrender Kampf gegen Vorurteile, Spaß am Sport: gute Voraussetzungen für den Erfolg bei Andrea Rothfuß. Aber er beruht auch auf harter Arbeit: "Ich gehe dreimal in der Woche ins Fitnessstudio zum Krafttraining für die Beine. Zu Hause absolviere ich zweimal in der Woche eine Krafteinheit für den Rumpf. Dann noch drei- bis viermal pro Woche eine Ausdauereinheit." Auf Skiern trainiert sie bei heimischem Schneemangel in schneesicheren Hochgebirgslagen.

Verträgt sich dieses Trainingsprogramm mit der Schule – zumal dieses Jahr das Abitur ansteht? Rothfuss überlegt kurz und gibt dann eine Antwort, die den Leistungswillen der erfolgreichen Sportlerin zeigt: "Es gefällt mir nicht, dass ich wegen der Schule ab und an auf eine Trainingseinheit verzichten muss. Da blutet das Herz, wenn man denkt, dass diese Einheit vielleicht das Bisschen ist, das zur Goldmedaille gefehlt hat. Aber so ist es eben: Entweder man konzentriert sich ganz auf das Training oder ganz auf die Schule. Doch egal was man tut, man muss 100 Prozent geben."

Mit dieser Haltung hat sie es bei vielen Europa- und Weltcups aufs Siegertreppchen geschafft und sich bei den letzten paralympischen Winterspielen in Turin eine Silbermedaille im Riesenslalom erkämpft. Erfolge, die ihr wichtig sind. Doch über allem steht ihr Leitsatz: "Ohne Spaß am Sport würde das Gewinnen auch keinen Spaß machen."

Und die Medaillen-Hoffnungen für Vancouver? Rothfuss ist optimistisch. "Ich sage mir immer, eine Goldmedaille muss drin sein. Und wenn es doch nicht klappen sollte, sage ich mir: Hey, du bist jung, wenn es diesmal nichts wird, dann das nächste Mal." Für die Zeit nach dem Abitur hat Rothfuss noch keine konkreten Pläne. Studieren möchte sie gerne, am besten in München oder Innsbruck. "Weil die Berge nah sind, und ich schnell mal eben Skifahren kann." Als Studienfach kann sie sich Sozial- oder Kommunikationswissenschaft vorstellen. "Da hat man mit Menschen Kontakt. Und ich rede gerne mit Leuten." Und genau deswegen haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, einiges über die sympathische Sportlerin erfahren können. Drücken Sie ihr die Daumen für die paralympischen Winterspiele, die vom 12. bis 21. März in Vancouver, Kanada, stattfinden.


Dr. Frank Schäfer


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