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10.09.2010, 1:35
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Impressionen
Überleben an der Wickelfront

Familie Bednarz
Was ist, wenn zwei Menschen ihren Beruf lieben und trotzdem gute Eltern sein möchten? Und das in einem Alter, in dem sich andere schon auf Enkelkinder freuen? Ein Besuch zwischen Krabbelgruppe und Kanzlei.

Der Angriff kam ohne Vorwarnung. Montag, kurz vor 6 Uhr. Ein Kommando aus drei Mini-Terroristen fordert Zutritt und hämmert gegen die Tür. Dieter Bednarz, Journalist mit dem Spezialgebiet Naher Osten, gibt seinen Schutzraum frei – das Badezimmer. In Sekunden erobern die Angreifer das Refugium und krallen sich an seine Hosenbeine. Das Kommando besteht aus seinen drei kleinen Töchtern: den Zwillingen Fanny und Lilly sowie der Nachhut Rosa.

Kurz geht dem 53-Jährigen in solchen Momenten die Zeit durch den Kopf, als er und seine Frau noch kinderlos waren. Ein gut situiertes Doppelverdiener-Ehepaar. Er Journalist beim "Spiegel", sie Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei in Hamburg. Und heute? Da steht der Schreibtisch der Erwachsenen inklusive Computer im Laufstall, während sich die Töchter in der Wohnung austoben. Das alles schildert Bednarz höchst unterhaltsam und mit viel Wortwitz in einem Buch, wofür sogar die ehemalige Familienministerin Ursula von der Leyen "als humorvollen Denkanstoß" wirbt.

Papa und Putzmann

Alles begann kurz vor seinem 50. Geburtstag: Dieter Bednarz und seine zehn Jahre jüngere Frau Esther werden innerhalb von 18 Monaten Eltern von drei Töchtern. In einem Alter, in dem sich andere bereits auf Enkel freuen. Hierzulande beträgt das männliche Durchschnittsalter bei der Ankunft des ersten Babys durchschnittlich 34,58 Jahre. Tendenz steigend.

Bednarz sieht es positiv, später Vater zu sein. "Meine Frau Esther war zu dem Zeitpunkt ja auch bereits 39 – also eine Spätgebärende. Ohne die späte Elternschaft generell als die bessere darstellen zu wollen – früher hätte ich nicht die Geduld und die Nerven besessen, es mit der Energie meiner Kinder aufzunehmen." Jetzt habe er die nötige Reife und Gelassenheit und genieße neue Erfahrungen trotz Chaos und Hektik. "Späte Eltern gehen bewusst an das Thema Kind heran, der Weg dahin kann sehr lang sein. Das Kind darf deshalb angemessen ihr Leben bestimmen", sagt er.

Liebesgrüße aus dem Labor

Bei der Geburt der Zwillinge liegt bereits eine lange Odyssee auf dem Weg zum Nachwuchs hinter ihnen. Drei Jahre lang quält sich das Paar durch die Mühlen der Fortpflanzungsmedizin. Nach zwei gescheiterten Versuchen folgt der letzte und danach der allerletzte. Der führt schließlich zu "Liebesgrüßen aus dem Labor", wie Bednarz schreibt. Die heute vierjährigen Zwillinge Lilly und Fanny kommen zur Welt. Während andere noch friedlich im Bett liegen, verteidigt Bednarz seinen Papa-Thron im Badezimmer, bringt drei Anziehdramen hinter sich, rührt Brei an und übersteht Kreischattacken.

Nach der Geburt der Zwillinge legt der Journalist ein Vaterschaftsjahr ein. Er gehört zur wachsenden Zahl von Vätern, die im Job pausieren, um Babys zu umsorgen. "Anfangs wollte ich alles ganz toll und hundertprozentig machen. Wenn meine Frau nach Hause kam, sollten die Kinder gewickelt und gefüttert und die Küche aufgeräumt sein – doch ich habe das nie geschafft." Auch er erlebt die Doppelbelastung, über die Frauen seit Jahren klagen. "Man will guter Vater und attraktiver Partner sein", sagt er. So was fällt schon mit zwei Kindern schwer, mit Dreien erst recht.

Kind Nummer drei, Rosa, kam anderthalb Jahre später ganz unerwartet hinterher. Nach den unendlich vielen Versuchen, Kinder zu bekommen, geschieht das Wunder einer spontanen Schwangerschaft. Die vielen Stunden bei Wind und Wetter auf dem Spielplatz, das Improvisieren beim Baden und Essen und mitunter auch im Beruf: Bednarz kommt an seine Grenzen. Seine Apothekerin Ingrid Glaeske-Allers in seinem Hamburger Grindel-Viertel wird zur Vertrauten.

Meist kauft er Medikamente gegen Schnupfen, Salben für Beulen oder Pflaster "für große Auas" seiner Kinder. Manchmal kommt er, um sich und seiner Frau Vitamin C, Magnesium und "alles was sie sonst noch für die Stärkung empfehlen" einzukaufen. Manchmal auch eine doppelte Packung Baldrian "extra stark für die Nacht".

Hilfe von der Apothekerin

Sein altes Leben vermisst er nicht. "Erst mit den drei Kindern habe ich das Gefühl, angekommen zu sein", sagt er. Die Erschöpfung durch die Kinder empfindet der späte Vater als Gnade. "Das Leben ist bestimmt nicht immer leichter, aber es lohnt sich." Auch wenn der nächste Angriff der Terroreinheit nicht lange auf sich warten lässt ...

Narimaan Nickbakht


BuchtippLesetipp
Überleben an der Wickelfront

Vom Elternglück in den besten Jahren erzählt Dieter Bednarz in seinem Buch.
Sie können es über den Govi-Verlag bestellen. Carl-Mannich-Straße 26, 65760 Eschborn, Tel.: 06196 928-250,
E-Mail: service@govi.de.

Dieter Bednarz:
Überleben an der Wickelfront, DVA,
ISBN 978-3-421-04388-7, 17,95 €.


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