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10.03.2010, 0:08
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Titelthema
Wie ich den Diabetes besiegt habe

Jürgen Grabow
Was den Diabetes besiegt, wissen Forscher und Ärzte heute genau: ungesunde Gewohnheiten über Bord werfen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Drei Menschen berichten, wie es ihnen gelungen ist und wie es ihnen damit inzwischen geht.

Eines braucht jeder, der seinen anfänglichen Diabetes niederkämpfen will: ein gehöriges Maß an Disziplin. Wer mit deren Hilfe sein Übergewicht deutlich reduziert und sich mehr bewegt, hat gute Chancen, ohne Medikamente auszukommen. Ein Wissen, auf dem auch die Therapieempfehlungen der Deutschen Diabetes -Gesellschaft fußen. Dort steht an erster Stelle nach der Diagnose Typ-2-Diabetes: "Die Basis jeder Behandlung des Typ-2-Diabetes besteht in nichtpharmakologischen Maßnahmen." Das heißt Maßnahmen zur gesünderen Lebensweise und zunächst keine Medikamente. Erst wenn sich nach drei bis sechs Monaten kein Erfolg zeigt, treten Arzneimittel auf den Plan.

Viele Menschen nehmen sich die Chance auf neue Lebensgewohnheiten. Sie lassen alles beim Alten und setzen lieber gleich auf Arzneimittel. Da machen der Grafiker Jürgen Grabow, der ehemalige Hauptgeschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Professor Dr. Rainer Braun, und die Hausfrau Angelika Broschke Mut: Auch sie hätten den einfachen Weg gehen und sofort Arzneimittel einnehmen können. Bewusst haben sie sich aber für den Weg entschieden, der dem Körper langfristig am meisten nutzt – den zu einem gesünderen Leben. Denn während Arzneimittel gegen Typ-2-Diabetes vorwiegend die Symptome beeinflussen, senkt ein neuer Lebensstil nicht nur den Blutzucker, sondern er nützt dem gesamten Organismus.

Keine Verbote

Was haben die drei richtig gemacht? Jürgen Grabow aß gerne Süßigkeiten und trank dazu reichlich Cola. Ein Mensch also, für den Essen in erster Linie Genuss bedeutet. Den hat er sich bis heute erhalten – und dennoch seine Gesundheit verbessert. Seine Strategie: kleine Mengen Süßigkeiten einmal pro Tag intensiv genießen. Nicht jedem gelingt es so leicht wie dem 58-Jährigen, sein Essverhalten so radikal und dauerhaft zu ändern. Doch einige Tipps können helfen, dieses Vorhaben so erfolgreich in die Tat umzusetzen wie Jürgen Grabow. Für alle, die Süßigkeiten lieben und trotzdem abnehmen wollen, lautet das Zauberwort "flexible Kontrolle". Was das bedeutet? Dass man zunächst über zehn Tage aufzeichnet, wann man täglich wie viele und welche Süßigkeiten konsumiert. Zeigt das Ergebnis zum Beispiel eine Tafel Schokolade täglich an, muss man sie nicht völlig streichen. Es genügt, sich Folgendes vorzunehmen: Statt jeden Tag eine Tafel esse ich pro Woche nur noch drei (oder zwei oder vier) Tafeln. Und die darf ich mir so einteilen, wie es meinem Verlangen entspricht. Dieses Konzept der flexiblen Kontrolle verhindert Rückfälle. Im Gegensatz zur rigiden Kontrolle, die nichts erlaubt. Da ist das Scheitern beinahe programmiert.

Erkennen, was wirklich fehlt

Noch eine wichtige Frage: Warum esse ich eigentlich, welche Gefühle lösen die Lust am Naschen aus? Gibt es Verhaltensweisen oder Hobbys, die die Gefühle ebenso befriedigen wie Essen? Mit der Antwort auf diese Fragen hat sich Professor Dr. Rainer Braun beschäftigt: "In meiner Zeit als Hauptgeschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin war ich den ganzen Tag stark eingespannt, abends kam ich immer erst spät nach Hause. Da habe ich mich dann hauptsächlich von Fast Food ernährt." Mit diesem Verhalten gibt Braun den wichtigsten und häufigsten Auslöser für Nasch- und Fast-Food-Attacken wieder: Stress. Seit er nicht mehr hauptamtlich arbeitet, bleibt ihm genug Zeit, auf seinen Körper zu hören; mit merklichem Benefit für die Gesundheit. Wer in jungen Jahren mitten im Berufsleben steht, hat diese Wahl zwar nicht, er kann aber dennoch mehr beeinflussen als er ahnt. Hier ist Kreativität gefragt. Wer sagt zum Beispiel, dass man jeden Mittag in der Kantine essen muss? Stattdessen käme ein paar Mal pro Woche auch ein flotter Spaziergang infrage – ein guter Stresskiller. Oder das Wochenende wird dem Sport gewidmet – wie bei Jürgen Grabow: "Jedes Wochenende drehe ich auf dem Golfplatz meine Runden. Da bin ich 16 bis 20 Kilometer zu Fuß unterwegs."

Sich begleiten lassen

Stress der emotionalen Art ließ auch das Gewicht von Angelika Broschke nochmals hochschnellen. Sie futterte ständig, nachdem ihr Mann verstorben war. Erst harte Fakten haben sie aufgerüttelt und zu einem radikalen Umdenken bewegt: die Aussage ihrer Diabetesärztin, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte, wenn sie ihr derzeitiges Essverhalten nicht ändern würde. Frau Broschke -bekam dazu Unterstützung von einer Ernährungsberaterin, die sich speziell auch mit Diabetes auskennt. Das zeigt einen weiteren Weg, wenn Abnehmversuche trotz aller Kenntnis zur Ver-haltensänderung immer wieder scheitern: sich helfen lassen von Experten in Sachen Ernährung; regelmäßige Termine vereinbaren, um bei der Stange zu bleiben. Heute, zwei Jahre nach dem Start ihrer Ernährungsumstellung braucht Broschke die professionelle Beratung nicht mehr. Ihr Gehirn hat die Veränderung verinnerlicht, die Rückfallgefahr ist nur noch gering.

Apothekerin Isabel Weinert

Professor Dr. Rainer Braun

"Ich habe erlebt, was passieren kann"

Seit fünf Jahren weiß der ehemalige Hauptgeschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände Professor Dr. -Rainer Braun von seinem Typ-2-Diabetes. Die Diagnose war Zufall: "Ich hatte eine Operation, während der es Probleme gab. Daraufhin wurde ich komplett untersucht. Und dabei stellten die Ärzte den Diabetes fest." Braun blieb gelassen, hatte er doch beinahe damit gerechnet: "Ich hatte damals massives Übergewicht, hohe Blutfett- und Blutdruckwerte, also die typischen drei, die zusammen mit einem Diabetes auftreten beziehungsweise ihm den Weg bereiten." Zudem wusste der heute 69-Jährige von einer erblichen Vorbelastung: "Mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater hatten schon Typ-2-Diabetes."

Was dann kam, war für die behandelnden Ärzte überraschend: "Die Ärzte wollten eine Diabetestherapie einleiten, aber ich lehnte ab. Ich wollte erst wissen, ob es nicht ausreicht, wenn ich abnehme und mich mehr bewege." Nach zwei Monaten stand Braun wieder in der Arztpraxis, – um zehn Kilogramm leichter. Und die Kontrolle zeigte bessere Blutwerte auf der ganzen Linie. Ansporn genug, um weiter abzunehmen. Satte 30 Kilogramm waren es nach neun Monaten. Resultat: Diabetes weg. Danach hatt Braun auch begonnen, Sport zu treiben: "Ich walke viel oder gehe bei schlechtem Wetter aufs Laufband." Vier bis fünf Stunden pro Woche verbringt er auf diese Weise. Dazu kommen zwei- bis dreimal wöchentlich 20 bis 30 Minuten Kraftsport. Seither fühlt sich Braun rundum gesünder. Sein neues Gewicht von 70 Kilogramm hält er, und das trotz nun wieder etwas gesteigerter Kalorienzufuhr. Der Body-Mass-Index liegt bei 23, ein Idealmaß für die Gesundheit.

Was ihm die Kraft zur Disziplin gibt? Das Wissen um das Schicksal seiner Vorväter. Sie verstarben früh an den Folgen des Diabetes.


Angelika Broschke
Angelika Broschke

Der Diabetes kam gerade recht

"Vor zwei Jahren habe ich noch 100 Kilo gewogen", sinniert Angelika Broschke aus Langen bei Frankfurt am Main. Nun sitzt sie im Schulungszimmer ihrer Diabetologin, ein schmales Gesicht, ein schlanker Körper – ganz so, wie es zu ihrer Körperlänge von 1,52 Metern passt. Vierzig Kilo ist die 56-Jährige los. Und ihren Typ-2-Diabetes fast auch. Der wurde vor zwei Jahren fest-gestellt. Broschke musste große Mengen Insulin spritzen, um ihre damaligen Blutzuckerwerte in Höhe von 300 bis 400 Milligramm pro Deziliter zu senken. Heute sagt sie: "Wenn ich ehrlich bin, kam mir der Diabetes gerade recht, denn wegen ihm musste ich abnehmen. Die vielen dicken Jahre davor habe ich es immer nur mal wieder halbherzig versucht."

Von halbherzig hält Broschkes Diabetologin Dr. med. Ingrid Helmstädter gar nichts. Das merkte auch Angelika Broschke schnell: "Sie sagte, wenn ich noch eine Weile leben will, muss ich das jetzt angehen." Und das tat sie mit Hilfe einer Ernährungsberaterin, die der jetzt zierlichen Frau erst einmal erklärte, in welchen Lebensmitteln viel Fett und in welchen viel Zucker steckt. Und die musste Broschke meiden. Was ihr mit Disziplin hervorragend gelang.

Für die nötige Bewegung sorgte ihr zehn Jahre alter Hundemischling: "Dreimal am Tag gehe ich mit ihm spazieren." Und dann versagte auch noch der Aufzug in Angelika Broschkes Haus: "Jetzt steige ich jeden Tag mindestens dreimal die Treppen in den dritten Stock hoch", sagt sie. Mit dem alten Gewicht ein undenkbares Vorhaben: "Da fing ich immer schon nach ein paar Stufen furchtbar an zu schnaufen." Die Kombination aus bewusster, kalorienarmer Ernährung und Bewegung hat sich für Angelika Broschke auf der ganzen Linie gelohnt: "Ich brauche heute nur noch ganz wenig Insulin, meine Blutwerte sind gut, und ich fühle mich in meinem Körper wieder richtig wohl."


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